Eduard Hesse
(1912-2011)

Pfarrer Eduard Hesse (1922–2011) prägte die evangelische Kirchengemeinde Hoerstgen von 1952 bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1978. Sein Wirken war eng mit seinen theologischen Überzeugungen und den Erfahrungen seiner Familie während der Zeit des Nationalsozialismus verbunden.
Gemeinsam mit seinem Vater Hermann Albert Hesse, Pfarrer in Wuppertal, und seinen Brüdern gehörte Eduard Hesse einem entschiedenen Flügel der Bekennenden Kirche an. Dieser verstand den Einsatz für die verfolgten Jüdinnen und Juden als untrennbaren Bestandteil des christlichen Bekenntnisses. Aufgrund dieser Haltung wurde Eduard Hesse inhaftiert und während seines Kriegsdienstes staatspolizeilich angeordneten „Himmelfahrtskommandos“ zugeteilt. Sein Vater und sein jüngster Bruder Helmut wurden in das Konzentrationslager Dachau verschleppt. Helmut Hesse starb dort 1943 infolge des Entzugs dringend benötigter Medikamente oder möglicherweise durch eine zusätzliche Giftspritze.
Diese Erfahrungen prägten Eduard Hesses theologisches Denken nachhaltig. Nach dem Zweiten Weltkrieg begegnete er kirchlichen Leitungsstrukturen ebenso kritisch wie gesellschaftlichen Entwicklungen in der Bundesrepublik Deutschland. Für ihn sollten kirchliche Entscheidungen auf der Grundlage der Bibel und gemeinsam mit dem Presbyterium vor Ort getroffen werden. „Irgendwo muss es doch stehen“, pflegte er zu sagen, bevor er seine Auslegung anhand mehrerer Bibelstellen erläuterte. Aus dieser Überzeugung heraus setzte er sich auch für die Begleitung und Unterstützung von Kriegsdienstverweigerern ein.
Seine theologischen Vorstellungen fanden in der Kirchengemeinde Hoerstgen an verschiedenen Stellen konkreten Ausdruck. Im Eingangsbereich der Kirche erinnert eine Gedenktafel nicht nur an die Toten des Zweiten Weltkriegs, sondern nennt ausdrücklich auch die ermordeten jüdischen Nachbarinnen und Nachbarn. Dazu sagte Eduard Hesse: „Sie sind das Fundament, warum die Anderen überhaupt dastehen dürfen. Denn sie waren nur Opfer, die Anderen sind Täter und Opfer gewesen.“
Auch die von ihm gemeinsam mit dem Presbyterium erarbeiteten Formulare für Taufe und Abendmahl werden in der Gemeinde bis heute verwendet. Sie betonen die Verantwortung der gesamten Gemeinde für die Taufe und führten immer wieder zu Rückfragen wie: „Das klingt ja, als ob wir Eltern und Paten auch getauft werden.“ Eduard Hesse hätte darauf geantwortet: „Genau!“, denn „die Taufe ist keine magische Handlung am Kind, sondern eine gehorsame Antwort der dankbaren Gemeinde!“
Auch nach seiner Pensionierung blieb Eduard Hesse der Gemeinde eng verbunden. Gemeinsam mit seiner Frau Friederike hielt er den Kontakt zu Hoerstgen aufrecht und kehrte regelmäßig zu Besuchen zurück. Zugleich besuchten Gemeindeglieder das Ehepaar in ihrem Ruhestand im Westerwald, wo sie bis ins hohe Alter lebten.
Ein zentrales Motiv in Eduard Hesses Verkündigung war das Vertrauen auf Gottes Treue auch angesichts schwerster Erfahrungen. Bei einer seiner letzten Gastpredigten in Hoerstgen sprach er über den Vers aus Psalm 4: „Ich liege und schlafe ganz mit Frieden, denn allein du, Herr, hilfst mir, dass ich sicher wohne.“ Dabei erinnerte er daran, dass dieses Psalmwort das Abendgebet seines Vaters und seines zum Tode bestimmten Bruders im Konzentrationslager gewesen war. Für Eduard Hesse blieb dieser Vers Ausdruck der Gewissheit, dass Gott „aus freier Gnade sein Wort und seine Treue hält“ – auch gegen allen Anschein.
Stefan Maser






